Orvieto (Umbrien)

Die Wunschpumpe von Orvieto

  

Pozzo San Patrizio, Schatzkammer der Wünsche. 
Kein Mensch weiß, wieviele Sehnsüchte und 
Ängste in diesem Brunnen verborgen liegen ….

 

ZUERST LÄSST ER SEINE FALLEN. Plopp, macht es, hallt die steilen, feuchten Wände empor, bis dort hinauf, wo es hell wird, moosig, luftig. Von dort ist es nur einen Gedanken zum Himmel entfernt. Hinab schwebt die Münze, langsam, zum Grund des Brunnens, eine silbrige Schuppe, die sich einfügt ins glänzende Brunnenrund – weiß ein Mensch, wie tief du im schimmernden Reichtum graben müßtest, um zum Grunde zu gelangen?

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POZZO SAN PATRIZIO, WUNSCHPUMPE ORVIETOS. Bis tief in die Mergelschicht hinab, wo Regen, Gottesgabe in den langen, heißen Sommern, durch den vulkanischen Tuff durchsickern kann. Dort sammeln sich die Tränen des Himmels, segensreiche Gottesboten, im kreisrunden Brunnengrund.

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PLOPP, MACHT IHRE MÜNZE, SCHWEBT durch die schimmernde Flut, gesellt sich, nahe der seinen, in den Reichtum von Orvietos Schatzkammer der Wünsche, die funkelnd und verlockend von stillen wie gewagten Phantasien erzählt. Sie tastet, sucht nach seinem Arm, zieht ihn näher an sich. Beide schweigen.

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DORT, AUS DER TIEFE, LEUCHTEN Wünsche, Sehnsüchte, Begierden. Kein Mensch weiß, wie viele Träume und Ängste, wieviel Zorn und Zügellosigkeit in Orvietos geheimem Tresor verborgen liegen. Doch sie bleiben nicht in der Tiefe, sie steigen, zugleich mit dem Laut der fallenden Münze, auf. 62 Meter führt der Pozzo di San Patrizio in die Tiefe hinab. Nein, aus der Tiefe herauf. Nein, beides.

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“VEDI QUA, AL STESSO LIVELLO?” Der eigenen Nische gegenüber steht ein Babbo, seine zwei Töchter mit sich, das Geheimnis der Doppelspirale mit viel Akribie und Begeisterung erläuternd. Ob der hier Sitzende nach unten gehe, von unten komme? “Vengo di qua.” Ich deute hinunter. “Sai …”, fährt er fort. Unten – sie haben die Brücke erreicht – schickte er eine der Töchter vor, ein paar Schritte nur, hinein in den gegenläufigen, hinaufführenden Wendelgang. “Capisco …”, murmelt die andere.

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IN DER RAFFINESSE LIEGT ES, DAS GEHEIMNIS des Pozzo San Patrizio, in der Raffinesse seiner doppelten Wendeltreppe. Hinab führt der eine Strang, in die Tiefe, hinauf der andere, dorthin, wo sich die Wände wieder mit Moos bedecken. So raffiniert, so einfach, daß das Vorbild nur in der Natur zu finden ist. Oder im visionären Denken eines Universalgenies. Das Geheimnis des Lebens hat erstere, die Natur, in der Doppelhelix verankert: DNS, Erbsubstanz alles Seienden. Das Geheimnis der Liebe hat zweiterer, Leonardo da Vinci, im Entwurf einer gegenläufigen Treppe entwickelt: Eingang wie Ausgang eines Bordells, über den die Freier ebenso unbehelligt erscheinen wie abgehen können.

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MUNTER, BESCHWINGT, ZIELSTREBIG, SO ZIEHEN sie hinter der einen Bogenöffnung abwärts; langsam, bedächtigen Schrittes, so erscheinen sie hinter der anderen: Kurz nur, tief atmend, schon verbirgt sie der nächste Pfeiler wieder. Siebzig Bogenöffnungen abwärts, siebzig Bogenöffnungen aufwärts. Und doch wüßtest du nie, hinter welchem Fenster der Gang hinunter-, hinter welchem er hinaufführt – wäre da nicht das Schibboleth der Schritte. “Aiuto … aiuto … aiuto …”, schnauft es ein paar Arkaden über mir.

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1527 – DIESES JAHR HAT sich den Römern unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Kaiserliche Truppen hatten im Sacco di Roma die Stadt der Päpste geplündert, verwüstet, mit einer Blutspur gezeichnet. Nie mehr wieder, schwor sich der Papst, nie mehr wieder sollte das Papsttum, so Clemens VII, eine derartige Demütigung erleiden. So baute er, nach Orvieto geflohen, den Felsen als päpstliche Fluchtburg aus, bereit, jeder Belagerung standzuhalten. Wasser, Wasser … wer belagert wird, braucht Wasser. Orvieto, steinernes Schiff auf lehmiger Höhe, Orvieto sitzt auf Wasser, schwebt darauf, drohte bisweilen sogar, darauf abzugleiten. Wasser gab es. Doch man mußte es erreichen, danach graben, tief in den vulkanischen Tuffstein hinab.

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SILBERN BLINKT SEINE MÜNZE AUS DER TIEFE, wiegt sich, tanzt – dann nur mehr das unsichtbare Weben des flüssigen Spiegels – nein, schon wieder blinkt sie auf, leicht versetzt. Dann wieder gläserne Stille, dann wieder ein silberner Gruß, vier-, fünf-, sechsmal wiederholt sich die Szene, bis das Geldstück sanft am Brunnengrund aufsetzt. Ein zweites noch schwebt, direkt neben ihm, aufgesetzt hat jetzt auch dieses. Sie schmiegt sich an ihn, kühl ist es hier unten, auf der Brücke über dem Brunnenbecken, unter der die beiden Wünsche ruhen … Schon ist sie verlassen, beide haben sich an den Aufstieg gemacht – waren ihre Wünsche dieselben?

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GIULIANO DA SANGALLO MACHTE SICH an die Arbeit. An Leonardo nahm er Maß, nahm Maß am unterirdischen See, den er erschließen sollte, nahm Maß am Schritt der Menschen und Maultiere, um über den Wendelgang ein ausgeklügeltes, lebendes Schöpfwerk zu schaffen. Stetig fallen die Stufen in sanfter Windung, legen sich rund um die Brunnenröhre, schrauben sich an der Brunnenwand entlang in die Tiefe, komfortable Breite für Mensch und Tier. Unten angelangt, queren sie das Becken, die Brücke zwischen den untersten Arkadenöffnungen beider Wandelgänge. Hier wird das Wasser aufgenommen – kostbarstes Gut im Belagerungsfall. Es sollte nie dazu kommen …

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SORGSAM, STUFE FÜR STUFE, SCHREITET SIE hinab. Er steht bereits unten, auf der Brücke, ihr Enkel. Für sie dagegen schraubt sich der Brunnen endlos in die Tiefe hinab. Ein paar Stockwerke noch, ein paar Windungen, eine ganze Reihe von Fenstern, aus denen sie keinen Blick wirft, weder hinunter noch hinauf. Sacht, jeder Schritt mit Bedacht – schließlich spürt sie ihre Jahre. Und der Rückweg steht ihr erst bevor … Jetzt, zwei Schritte noch, noch einer, nun betritt sie die Brücke, endlich, mamma und nipote haben auf sie gewartet. Ein kurzer Blick ins schimmernder Brunnenbecken. Kein einziger Blick, den sie nach oben verliert. Schon macht sie sich wieder auf den Weg, zurück ans Tageslicht. Denn der ist lang.

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ZART SPIELEN DIE REFLEXE des unterirdischen Wasserspiegels, ein kreisrunder Lichtpunkt schwimmt auf dem flüssigen Gewebe. Das Tageslicht ist es, auf seinem Weg in die Tiefe. Von der runden Bekrönung stürzt es hinab, an moosigen Wänden bleibt es hängen, verfängt sich in den Ritzen des Tuffsteins, ertrinkt im feuchten Geflecht des Abgrunds. Doch unten, ganz unten, wo es das Wasser auffängt, gütiges Zeichen der Zuversicht, unten strahlen, glänzen, leuchten bereits andere Kostbarkeiten: die Juwelen menschlicher Wünsche. Was der Himmel als Segen über Orvieto vergießt – vergeßt nicht, der Dom ist nicht von dieser Welt, ist Himmelsschleuse, ist Brücke Gottes – das hat hier, tief im Gestein, sein Gegenstück. Hier, im Pozzo di San Patrizio, liegt Orvietos zweiter Pol zwischen Himmel und Erde. Wo der Dom am Jenseitigen kratzt, da öffnet sich im Pozzo das wallende, dunkle Universum der menschlichen, allzumenschlichen Sehnsüchte, Begierden und Träume. Der Pozzo ist weit mehr als eine 62 Meter tiefe Wunde im Gestein – der Pozzo ist die Wunschpumpe Orvietos. Wo der Dom am Himmel befestigt ist, da ist der Pozzo am Herzen festgemacht.

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ER STEHT WEIT ÜBER MIR. Lautlos bewegen sich seine Lippen, murmeln Unerhörtes – jetzt läßt er die Münze fallen. Von Arkade zu Arkade bewegt sie sich, immer tiefer. Mit jedem Meter ändert sich ihr Glanz, das Tageslicht löst sich auf in zartes Gespinst, die Lichter an den Wänden treten hervor, leiten den Fall der funkelnden Münze. Kühler wird die Luft und feuchter, immer besser trägt sie die Stimmen – da schlägt sie auf. Wasser und Metall: der Ton der Vermählung wandert die Wände herauf. Zwei, drei Tropfen steigen aus der Mitte konzentrischer Kreise auf, langsam, in wunderbarem Maß, singt die Welle – dann verklingt sie sanft an den Wänden des Brunnens. Eine Kostbarkeit mehr in Orvietos Hort der Wünsche.


© Günter Exel