Malta

Fenchel, Feigen, trockene Felder

  

… in der Einsamkeit triffst du den
faszinierendsten Menschen 
deines Lebens: dich selbst …

 

DOPPELTE ANKUNFT. Malta – Sonnenschein, ein strahlend blauer Septemberhimmel, intensive, helle Farben. Am Airport eine gelassene, unaufgeregte Atmosphäre. Ich bin angekommen, brauche aber noch Zeit, um nach der körperlichen Ankunft auch mit der Seele nachzukommen.

 

Zwischenhalt in der Ebene. Der erste Freiraum zwischen dem Airport und der alten Hauptstadt Mdina. Rabat liegt vor mir am Hügel. Ich werde mich auf die alten Städte einlassen. Aber zuerst brauchte ich es, die Erdung zu spüren, die von diesem Stück Feld ausgeht. Von diesem Acker, auf dem noch ein paar Zwiebeln liegen. Ich betrachte die Kaktusfeigen. Die Pinienallee, die die Straße Richtung Rabat säumt.

Ein wohl Jahrhunderte alter Steintrog, mitten auf dem Feld, auf dem Menschenhand und Natur ein ganz eigenes, unverwechselbares Miteinander geschaffen haben. Ein Wespennest. Schneckengehäuse, leer, in der Sonne bleichend. Im Trog, unter dem Deckel eines Benzintanks, ein Gecko, der Zuflucht sucht.

Es ist staubig hier. Ein Staub, der seit Wochen das Land bedeckt. Ich kann die Rückkehr Ende Oktober kaum erwarten, wenn hier ein neues Grün aufleuchten wird. Doch schon jetzt sind die Farben Maltas beeindruckend in ihrem Gleichklang. Heller Sandstein: der Grundton. Grüne, durch den Staub verwaschene Vegetations-Inseln. 

Ankommen, den Duft nie gekannter Kräuter riechend. Die Erde unter den Sohlen spüren. Erde, die die Jahrtausende ihrer Besetzung durch den Menschen nicht ohne Spuren ließ. Im Ackerboden findest du die Spuren: Papierfetzen, Plastikschnipsel, Autoreifen, Glasscherben, verrostete Konservendosen, verkohltes Holz, Keramikscherben, die verrosteten Speichen eines Fahrrades.

Das nächste intensive Geruchserlebnis: Wilder Fenchel, der die Straßenränder säumt. Daneben auch Feigenbäume, Zypressen, Efeu. Intensiv violett blühende Winden, die einen Pfirsichbaum überziehen. Weitaus undekorativer als in anderen Ländern, wachsen wild Oleander und Bougainvillea, die sonst den gepflegten, sauberen Schick der Mittelmeer-Oasen verkörpern.

Ich pflücke Pflanzen, die intensiv und aromatisch duften. Genau in diesem Augenblick steigt über mir der Austrian Airlines-Airbus auf, zurück in Richtung Wien … In diesem Augenblick bin ich glücklich, hier zu sein. Unten auf einem Feld zu stehen, ihm nachzusehen, wie er Richtung Norden abhebt.

 

– * –

STRASSEN, SCHATTEN, STAUB. Auf den Dingli Cliffs spricht nur mehr der Wind. Die Luft ist erfüllt von würzigen Kräutern. Eine einsame Schwalbe zieht ihre Kreise. Der Duft von Thymian steigt in die Nase. Auch Rhizinussträucher und Eukalyptus siehst du immer wieder.

Jetzt bin ich wirklich unterwegs. Es ist ein unvergleichliches Gefühl, auf den holprigen, engen Straßen, zwischen steinernen Mauern zu fahren und mal den Schatten einer gewaltigen Pinie, mal den eines Feigengesträuchs zu kreuzen. Pockennarbige Straßen, scharf gezeichnete Schatten. Die Straße spürst du bis in die Knochen, bis ins Blut. Eine feine Staubschicht überzieht die Umgebung der Straßen. 

Manchmal ist es knapp, so knapp, dass du die Augen zukneifen möchtest und es dann doch nicht tust.

Ich reise weiter in den Norden. Steige unweit der Ghadira Bay aus dem Wagen. Hier ist Malta wirklich einsam. Von fern die Brandung. Das Geräusch, das der Wind in den trockenen Samen des wilden Fenchels macht. Vereinzelt die Überreste von Tieren. Muscheln. Noch mehr spürst du, dass sich hier im Lauf der Zeit die Geschichte der Menschen abgelagert hat – und die der Natur. Sie vermischen sich in Scherben und Schneckenhäusern. Vertrocknete Gräser. Die schroffen Skelette der von Wind und Wetter ausgehöhlten Felsen. Du hörst das Schleifen eines Plastiksacks, den der Wind über das Gestrüpp des Hochplateaus treibt. 

In der Einsamkeit triffst du den faszinierendsten Menschen deines Lebens: dich selbst. 

 

– * –


BESCHAULICHE STUNDEN. Später Nachmittag in Mgarr. Verschlafen dämmert der Ort ins Wochenende. Der große Platz vor der Kirche ist leer, wartet auf die nächste Festa. Nur ein paar alte Männer haben sich vor Charles’ Il Bari versammelt. Nebeneinander an der Wand aufgereiht – so betrachten sie, gelassen diskutierend, den leeren Platz. Eine offene Tür – dahinter sitzt eine Frau. Auch sie im Gespräch.

Dörflich die Atmosphäre. Der Hahn schreit, vom Spielplatz hört man Kinder. In der Ferne wird gearbeitet; vereinzelt Hundegebell aus allen Richtungen. Direkt neben dem Kinderspielplatz öffnet sich der Blick ins Ödland. Eine Autosirene zerreißt den beschaulichen Frieden. 

Direkt beim Bushalt die Tankstelle: Zwei Zapfsäulen, ein Schirm, sonst nichts. Ein Dorfhund streicht über den Platz.

 

– * –

FELDWEG BEI MARSAXLOKK. Der würzige Duft von Fenchel erfüllt die Luft. Ein Hahn kräht, Hunde bellen. Aus Feldsteinen aufgerichtet die Mauern. Manche werden von Kapernsträuchern überwuchert, um die Heerscharen von Wespen summen. Diese bauen ihre Nester in vertrockneten Blütenständen oder frei auf einem Stein. Geckos rascheln im trockenen Gras. Ausgedörrt liegt die Landschaft. Kaum eine Spur Schatten. Würzig duften auch die Kräuter auf dem brach liegenden Boden. Leere Schneckenhäuser scheinen in der Hitze zu kochen, doch vom Meer weht eine kühlende Brise. Ich scheuche Tauben auf, diese steigen aus den Feldern, flüchten in alle Richtungen. 

Die Wasserleitung, die über die Mauern führt, ist zerborsten. Keramikscherben auf dem Feld, auf dem meine Füße, so weich!, fast einzusinken drohen. So trocken die Erde auch scheint: Viele verschiedene Pflanzenarten haben mit ihren weit ausgreifenden Trieben das Feld erobert.

Dreiviertel zwölf. Fast bin ich irritiert, dass hier in dieser Landschaft, die mich ans Arabische erinnert, Kirchenglocken zu hören sind. – Dann bückst du dich – und das beständige Rauschen des Meeres ist verschwunden, von der Mauer abgehalten. 

Bitter schmeckt die Kapernblüte –

 

– * –

STIMMEN HÖREN. Am schönsten von allen prähistorischen Tempeln Maltas ist wohl jener von Mnajdra gelegen. Vom nahen Hagar Qim führt der Weg hinunter zur Steilküste. Ein Weg, der zugleich in die Vergangenheit leitet. Wie viele Generationen haben schon ihren Fuß auf diese Felsen gesetzt? So viele Geschichten … 

Ein unvergleichbar schöner Ausblick auf das glänzende Meer, wo um 14 Uhr die Sonne genau über der fernen Insel Fifla steht. Es ist heiß, wolkenlos, ein bisschen diesig. Die Steine schweigen. Doch mir ist, als hörte ich Stimmen …

 

© Günter Exel

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Inge und natürlich auch Heinz (Freitag, 24 April 2009 16:29)

    Lieber Günter, bin durch Zufall auf deine HP gekommen und hab geschmökert. Bei obenstehendem Artikel habe ich mich sehr an dich und unsere Griechenlandreise erinnert, wo du stundenlang in Olivenhainen herumgewandert bist - und dann Maulbeeren mitgebracht hast. Für Palatschinken. Deine Artikel sind so schön geschrieben, dass man sofort hin möchte. Auch ich schreibe auf unserer HP über Reiseerlebnisse, aber nicht zu vergleichen mit deinen.
    Ganz liebe Grüße Inge