Norcia (Umbrien)

Rückkehr auf die Piazza

 

… Räderwerk Norcia, fern unserer Zeit. 

Und Benedikt, Sonnenuhr, zählt dort die Stunden …

 

ICH BIN ZURÜCK GEKEHRT. Zurück auf die abendliche Piazza von Norcia, zurück unter fremde Gesichter, und doch, von Mal zu Mal mehr vertraut, zurück in den großen Kreis rund um Benedikts Standbild, in den Kreis der Hauptdarsteller und Beobachter des allabendlichen Schauspiels. – Aber sind nicht auch die Zweiten – die Beobachter – Darsteller wie die Ersten? Ich bin auf einen Abend nach Norcia zurückgekehrt: Die Piazza beginnt, den Reiz der Wandlungen zu entfalten. Gesten, Gespräche sind die gleichen, und doch nicht dieselben …

 

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VIGNOLA SEI DANK, die Festung hält. Was die Renaissance hier erbaute, hat die Stadt übernommen als Geschenk für ihre Kinder. Und so wird auf die Festungsmauer der Fußball gedroschen, ein Schuß gibt den nächsten, Zerstreuung für zwei – aber nein doch, für mehr: Schafft es einer der Ragazzi, den Eckturm zu verfehlen, dann laufen auf einmal viel mehr noch mit. Aller guten Dinge sind zwei: Zwei Hände vor dem Mund, zwei Herzen stehen still, erneut hat der Ball den Eckturm verfehlt und ein Auto getroffen –

 

Der Abend beginnt zu greifen, die Räder von Norcia, sie setzen nun an. Langsam, unmerklich bringen sie die Piazza zum Drehen, langsam, unmerklich schweißt der Abend sein Gefolge zusammen. Jetzt bilden sich Gruppen, gewinnen Schritte an Form, werden Wörter und Gesten getauscht. “Mi ricordo”, klingen zauberhaft Worte mir nach – Erinnerung ist’s, die die Regeln hier schreibt. Die Schritte, den entflohenen Ball noch zu bändigen – Erinnerung. Der Paß zurück in die wartende Schar – Erinnerung. Die Kreise der Spielenden, wo begehrliche Blicke, Überraschungen, Ehrgeiz, Spielerei und Müdigkeit den Ablauf verändern und formen und füllen – Erinnerung.

 

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ERINNERUNG: DIE LINIEN, die das Pflaster durchkreuzen. Die Linien des Platzes läuft ein Knirps just entlang. Konzentriert ist sein Blick, mit ihm bewegt sich eine Aura der Ehrfurcht? Der Zuversicht? Fröhlichkeit? Doch schon ist sie vorbei, die verborgne Weihestunde der Piazza. Applaus aus der Mitte: Eine Gruppe Giovani, ein Tonband läuft an, einer beginnt zu tanzen, ein Zweiter mit ihm. Und ein Wunder geschieht: Die Piazza schweigt, staunend stehen sie im Kreis – Sankt Benedikts Zirkel hat einen neuen geboren … Applaus brandet auf, jetzt tanzen schon zehn, zwölf, fünfzehn eine Choreographie – und ein Bambino probiert’s mit, wie soll’s anders auch sein! Die Tänzer fesseln den Platz, ziehen ihn in ihren Bann, ein großer Moment –

 

Denn erst als sie enden mit ihrem Tanz, kommt jene Energie wieder frei, die diese kurz bündelten: Auseinander treiben die Gruppen, der Platz lärmt und bebt – wie entfesselt ist plötzlich das Leben der Stadt. Vier, fünf Bälle wohl sind es, für Bewegung nun sorgend, und Räder und Kinderwägen, Schritte und Blicke … Geworfen, gelaufen, geblickt und gefahren: ein Liniengeflecht, Symphonie in Bewegung, ein sich wandelndes Bild, unbeholfen nur Sprache, die versucht, dies zu schildern, sie bleibt hängen in Fäden – Hundert Abende sollte der Piazza man widmen, hundert Abende, jeder nur einen Faden verfolgend. Die Schatten, die Blicke, die Wege, die Bälle. Die Gesten und Täuschungen, Finten und Stützen und Sitze und Küsse, Umarmungen, Krieg und Frieden – und auch das Leid. Einer im Rollstuhl, ein anderer, Vereinzelter, am Gehstock, mit Kopfverband und – dunkle Verwirrung der Bilder – mit Handy, die Welt dieser Piazza hier sprengend –

 

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EINE NEUE LINIE hat der Ragazzo der Ehrfurcht entdeckt – die unsichtbare Flugbahn gefalteten Papiers –, und er folgt ihr erstaunt, ein Mysterium. Eines, das fern seiner Vorstellung liegt, er versucht sich nun selber daran – doch Mysterium bleibt, was man selbst nicht beherrscht. Tief enttäuscht kommt das Gegenteil in ihm zum Ausbruch: Von nichts will er mehr wissen, alles hinter sich lassen. Vai dove ti porta il cuore, er läuft, über Steine und Linien und Flächen, nur fort! Babbo und Mamma sehen ihm nach, wie ihn junge Erfahrung über die Piazza wegträgt, sie versuchen zu locken, doch er kennt nur ein Ziel. Noch kurzes Warten, dann bricht Babbo lachend auf, ein Kind heimzuholen von der langen Reise ins eigene Ich.

 

Der Platz formt den Willen, er setzt ihm auch Grenzen. Gemeinsam wird das vermittelt, wie die nächste Familie es fürsorglich beweist. Vier Generationen, im Ballspiel vereint. Nonno und Babbo, die Sorella und der Bambino – und das Jüngste läuft mit, im Pyjama nun, da ihm die Jacke zu schwer – die Sorella darf ankleiden, erklären, erziehen, den Willen entdeckt er, da gehören Tränen dazu … Dann wechselt der Trost, von der Nonna nun kommt er, die auf ihrem Arm den Piccolino jetzt wiegt, und zum Abschluß überzeugt wieder die Sorella, bis er wärmend gekleidet auf eignen Beinen wieder steht.

 

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LEGGEREZZA DI ESSERE – in dieser Stadt ist es leicht mit der Leichtigkeit sein. Wo die Ewigkeit mehr als ein Wort ist. Wo die Uhr am Palazzo Comunale nur die Stunden anzeigt und über die Minuten großzügig hinwegsieht. Wo Benediktus persönlich die Stunden zählt – Sonnenuhr sein Standbild, sein Schatten der Zeiger, am Platz dem Lauf der Stunden folgend. Wo Zeit noch im Kreislauf die Scheibe durchmißt, jeden Tag wiederkehrend, im Werden und Gehen …

 

Was weiß er davon, der Bambino mit dem Ball? Bewußt ist es ihm nicht, dem 80 Zentimeter kleinen Zwerg, der fast wie Roberto Baggio den noch riesigen Ball angeht, sich in Pässe legt, daß der Beinschwung seine 20 Kilogramm verträgt, der sogar schon, längste Haarzierde seines kurzen Lebens, ein Baggio-Schwänzchen hervorgebracht hat. Doch wenn er hier, auf der kreisrunden Piazza, gekonnt seine Pässe schlägt, dann ist er bereits das nächste Rädchen, das unmerklich greift. Und eingreift ins unsichtbare Getriebe der Stadt im Tal der Trüffel und Wildschweine. Ja, fern unserer Zeit läuft das Räderwerk Norcia. Ein einzelner Ragazzo ist hier nur zu sehen, “modischer” Haarschnitt, weitere Hose, Sweater, Kapuze – doch so, wie er über die Piazza schlendert, fällt er nicht auf, fällt vielmehr hinaus: Als einziger auf dieser Piazza ist er – allein.

 

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Obwohl ich “nur” Beobachter, Zeuge, unbekannter Stadtschreiber bin, fühle ich mich nicht fehl am Platz. Der Zeugenstand ist meine Legitimation. Auch in Kleidung, Rhythmus gleiche ich mich an. Nehme es dankbar als Kompliment, wenn ich nicht sofort als Fremder auffalle. Esse das, was man hier ißt, lebe – so wie die Stadtuhr am Palazzo – mit der Zeit im Vagen, Unscharfen. Auch draußen, in den Bergen, den Eichenwäldern und Feldern, versuche ich, sowenig wie möglich ins geordnete Leben einzugreifen. Zur Siestazeit unter einer riesigen Eiche: Die Käfer krabbeln über mich, ein Heuschreck rastet fünf Minuten auf meiner Hand, ein Schmetterlingspärchen klammert sich – subtile Balance des Paarungsaktes – an meinem Wanderschuh fest, eine Spinne webt ihren ersten Faden zwischen einem Grashalm und dem geöffneten Buch, klettert an einem zweiten ins Nichts, ich bewege mich erstaunt – da stürzt sie ab, ich begreife: Den ersten Faden zog sie bereits, zwischen schwankendem Grashalm und meinem ruhenden Arm … Unmerkliche Leichtigkeit des Seins!

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WO SIND UNSERE KINDER? Kaum sind sie zu sehen. Unsere Mütter, wo sind sie? Norcia dagegen ist voll von Kindern, an der Hand ihrer Mütter geführt, dann vom Wind über die Piazza getrieben, frei auf der großen, weiten, leicht gewölbten Fläche, die für sie eine Zeit noch den Erdkreis bedeutet. Piano grande – großer Plan, wage ich zu übersetzen: Denn hier unter der weisenden Hand Benediktus’ zeichnet er sich wieder ab, der alte, weise Plan. Der Entwurf hinter unserem Drängen und Streben, unserem Schaffen und Sorgen, unserem Zusammenbleiben – 

 

© Günter Exel